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Berlin
ist das Letzte. Der Rest ist Vorgeschichte. Sollte Geschichte
stattfinden, wird Berlin der Anfang sein.
Heiner Müller, 1983
Man sieht Berlin so, wie man es sehen will, das
sage ich mir immer, wenn ich auf Berlin für kurze
Zeit sauer bin. Julia Glubs, "Schwarz auf
weiß", 2005
Alle reden von Berlin, aber was soll das sein.
Kathrin Röggla, Abrauschen, 1997
Berlin
ist eine unglaubliche Stadt. Es gibt keine andere Stadt,
die solch unglaubliche Bilder und Vorstellungen und
unvergleichbar scharfe Kritik provoziert; keine andere
Stadt scheint so sehr eine Leinwand zu sein, auf die
Bilder, Ideen, Träume und Fantasien, Ängste
und Hoffnungen projiziert werden können. Berlin
ist zu einem Text geworden; einem Text, der immer wieder
in verschiedenste Richtungen mit den verschiedensten
Absichten geschrieben und dann auch gelesen wird. In
der Tat, der Text Berlin ist mit der Zeit so
oft entschlüsselt, (um)interpretiert und erklärt
worden, dass es beinahe unmöglich erscheint, die
(“richtige”) Stadt, die Berlin genannt wird,
kennen zu lernen. “Berlin” ist eine Sehnsucht,
die immer wieder Traumlandschaften entstehen läßt.
Die Stadt hat mehr ideologische, politische und physische
Veränderungen erlebt als alle anderen Hauptstädte
(West-) Europas: im Gegensatz zu den meisten anderen
europäischen Großstädten zeigen sich
in Berlin immer wieder die Extreme der Kulturgeschichte
Europas seit dem frühen 18. Jahrhundert.
Berlins Geschichte hat der Stadt eine sogenannte normale
Entwicklung verweigert, aber genau diese Geschichte
scheint auch immer wieder Beschreibungen der Stadt zu
erlauben, die auf die Normalität Berlins als westliche
Metropole und Großstadt aus sind. Berlin scheint
die Stadt zu sein, die ganz bewußt und absichtlich
immer wieder neu entworfen und konstruiert werden kann
und so zu vielen verschiedenen Dingen für die verschiedensten
Leser, Architekten, Träumer und Stadtbewohner
wird. Existiert die Stadt wirklich? Und wenn, wie gewinnt
man Zugang? Wie können wir uns der Stadt annähern?
Und wie können wir über Berlin so wie
es jetzt ist sprechen, wenn unsere Faszination,
unsere Eindrücke und Erfahrungen oder auch nur
unser Interesse an der Stadt immer schon beeinflußt/belastet
sind von unzählbaren Filmen, Images, Bildern, von
der Flut von Informationen und von so vielen beunruhigenden
Momenten (der Vergangenheit wie Gegenwart)? Wie ist
unser Zugang zur Stadt, zum Beispiel, immer schon beeinflusst
von dem Wissen (oder Unwissen), dass Berlin nur 70 Kilometer
von der polnischen (und damit einer ost-europäischen)
Grenze entfernt ist, dass Migranten die Stadt durchkreuzen
und durchlesen und somit für sich selbst
modifizieren und manipulieren? Wie sehr sind wir in
unserem Denken davon beeinflußt, dass Berlin
in Deutschland liegt, selbst wenn die Stadt anders
ist als jede andere deutsche Stadt und bei weitem die
weltoffenste?
In seinem Buch Hybrid Cultures. Strategies
for Entering and Leaving Modernity beschreibt Nestor
Gastor Canclini verschiedene Möglichkeiten, sich
einer Stadt forschend anzunähern. ‘Der Anthropologe
kommt in der Stadt zu Fuß an’, schreibt
Canclini,
“the sociologist by car and via the main highway,
the communications specialist by plane. Each registers
what he or she can and constructs a distinct and, therefore,
partial vision. There is a fourth perspective, that
of the historian, which is acquired not by entering
but rather by leaving the city, moving from its old
center toward the contemporary margins.”
Unsere Zugänge, so der argentinische Anthropologe
und Kulturwissenschaftler, sind immer schon verfälscht,
sie sind bestimmt von unseren Fähigkeiten allgemein
und davon, wie und womit wir uns (fort)bewegen. Unser
Verständnis einer Stadt kann daher immer nur ein
fragmentarisches, unvollständiges bleiben. Es ist
ironisch, dass Berlin zu einem, wenn nicht dem Musterbeispiel
für Canclinis theoretischen Ansatz geworden ist.
Canclini nämlich entwickelt sein Modell der “strategies
for entering and leaving modernity” für lateinamerikanische
Städte. Canclinis Ansatz aber erlaubt und ermutigt
wie kaum ein anderer das Nachdenken über Berlin
jetzt, hin-und hergerissen zwischen dem Wunsch
(auf der einen Seite), einen Ort und Raum für global
capitalism zu schaffen (wie man ihn zum Beispiel
am Potsdamer Platz und seinen Wolkenkratzern aus Stahl
und Glas sieht, durch die eine Art ‘architainment’
ins Leben gerufen wurde) und (auf der anderen Seite)
dem Verlangen nach der Erschaffung einer Metropole,
die zugleich alt und neu ist. Hin- und hergerissen zwischen
Forderungen nach kritischer Stadterneuerung (“to
prove to the world that this ‘democratic phase’
is not merely another passing trend”, wie Ritchie
diesen Prozeß in ihrem Buch Faust’s
Metropolis beschreibt) und der (leicht zynischen)
Befürchtung, “die Blaue Blume der Demokratie”
zu werden, fasziniert und verführt die Stadt nach
wie vor ihr Publikum und ihre Besucher mit dem Versprechen,
dass in ihr jeder und jede die Chance hat, zugleich
zum Augenzeugen welthistorischer Prozesse und zum Kritiker/zur
Kritikerin der massiven Rekonstruktion dieser europäischen
Stadt zu sein, die für immer ein Symbol für
Zerrissenheit und unüberwindbare Grenzen geworden
ist. So gesehen könnte man zum Beispiel auch die
Inszenierung und den Erfolg der Ausstellung “MoMa
in Berlin” als ein (wenn auch kurioses) Resultat
solcher Forderungen, Wünsche und Versprechungen
verstehen. “Dem MoMa wird nichts anderes übrig
bleiben als zu bemerken, dass die Schätze des Museums
zum ersten Mal in ihrem ganzen Glanz hier, in der Berliner
Mies van der Rohe Nationalgalerie gezeigt wurden, dass
die 1,2 Millionen Besucher Augenzeugen einer Ausstellung
wurden, wie es sie niemals in MoMa’s eigenem Haus
zu sehen gab.” So zumindest beschreibt eine von
Berlins größten Tageszeitungen (Der Tagesspiegel)
das Phänomen, das Berlin umhüllt.
Es gibt eine andere Gruppe von Interessierten, die die
Stadt durchqueren, in ihr ankommen oder sie verlassen:
Autoren und Leser (im weitesten Sinne), wir
zum Beispiel auch, die alle möglichen Zugänge
zum Phänomen, zum Text, zu Berlin praktizieren,
die verschiedene Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen
sammeln und (versuchsweise) verarbeiten und so verschiedene
neue Texte produzieren, die wiederum interpertiert werden
können oder müssen. Diese Texte (und Images
gehören dazu) können ihrerseits in verschiedenste
Archive und mit verschiedensten Absichten gesammelt
werden. Wie und von wem diese Archive verwaltet und
kontrolliert werden ist ungeheuer wichtig, betont Canclini,
für das Verständnis und die Zukunft einer
Stadt. Was Berlin anbelangt, so gibt es meines Wissens
nach keine andere Stadt, der so oft gesagt wird, was
sie zu tun und zu lassen und was sie zu beweisen hätte,
und was wie erhalten und re/konstruiert werden soll.
Was bedeutet es, wenn einer Stadt unablässig gesagt
wird, was sie zu tun hat? Und wer in aller Welt fühlt
sich angesprochen?
Unter den Autoren, die Texte zum Text Berlin
hinzufügen, gibt es natürlich viele, die kommen
und bleiben und viele, die niemals richtig ankommen
nach dem ersten Schock, den die Stadt verursacht. Mehr
als die Hälfte der 3.5 Millionen Einwohner Berlins
sind jünger als 35 Jahre, die Stadt hat mehr als
94 000 registrierte Hunde und wurde 2004 im Vergleich
mit 50 anderen Städten auf Platz 48 eingestuft,
was Lebensqualität anbelangt! Berlin kann einfach
auch unglaublich kalt und unfreundlich sein. Berlin
in den Augen von Claudius Seidl, Berliner und Autor
des Buches Hier spricht Berlin – Geschichten
aus einer barbarischen Stadt, "kann so kalt
sein wie Sibirien, so unbewohnbar wie der Mond und so
häßlich wie das häßlichste aller
Schwellenländer”. Berlin, so Seidl, “wird
bewohnt von Berlinern, ein Volk, das noch immer nicht
den Schritt aus der Barbarei in die Zivilisation geschafft
hat”. Brian Ladd, einer der bekanntesten Berlin
Autoren, faßt das gleiche Phänomen so zusammen:
"Despite all efforts to civilize the city and its
uncouth natives, Berlin seems incomplete and uncultivated,
by European standards, and certainly when compared to
Germany’s smaller and more refined metropolises,
Frankfurt and Hamburg, Munich and Düsseldorf. The
streets are shabbier and dirtier, and so are the people
– by German standards, Berlin is, measurably,
a poor city. Informality reigns in social intercourse:
a refreshing cheekiness, when you are in the mood for
it; an appalling rudeness, when you are not." (Companion
to Berlin 2)
Berlin ist eine unglaubliche Stadt. Ob die Stadt überhaupt
existiert, wie und wodurch, wie die Stadt repräsentiert
wurde und wird und wie sie sich selbst präsentiert,
das soll in diesem Kurs erforscht werden. Nicht, um
zu einer endgültigen Lösung (Interpretation)
zu kommen, sondern um zu erforschen, was Berlin für
uns ist, wie wir selbst – als Leser der Stadt
– eine Stadt inszenieren, re-konsturieren und
mit Erwartungen überfrachten, die nur selten erfüllt
werden wollen oder können. Und, natürlich,
um Berlin, die coole Stadt, auf unsere Art und Weise
zu erleben.
Kursmaterialien,
die die Online-Materialien ergänzen:
- Sven Regener. Herr Lehmann
- Jason Lute. berlin. steinerne stadt
- Klaus Esche. Ganz Berlin. Spaziergänge
durch die Stadt
(dringende Empfehlung: Falk Pläne - Berlin
Cityplan)
Bewertung:
- tägliche Kursvorbereitungen und Arbeit im Kurs
35%
- zwei mündliche Präsentationen 15%
- wöchentliche Kommentare und IRC-Arbeit online
15 %
- 2 Essays 15%
- Abschlussprojekt (einschließlich schrftl. Arbeit)
20 %
Zeitplan:
Woche 1 - 2 Was ist "Berlin" (für wen)
Woche 3 - 5 Wege durch die Stadt
Woche 6 - 8 Transformationen 11. - 20. Jahrhundert
Woche 9 - 12 (Selbst)Darstellungen Berlins im 20./21.Jahrhundert
Woche 13, 14 Projekte und Präsentationen
Anforderungen:
Der Erfolg unserer
Arbeit hängt natürlich von uns allen ab. Erwartet
wird, dass Sie zu jeder Zeit auf unsere Kurstreffen
vorbereitet sind, dass Sie aktiv am Kursgeschehen teilnehmen
und mit den anderen Kursteilnehmern den Kurs aktiv und
produktiv gestalten (Anwesenheit allein reicht nicht)
und dass Sie alle schriftlichen und mündlichen
Arbeiten in hoher Qualität, den Richtlinien von
Cornells
Code of Academic Integrity folgend und
zum vereinbarten Zeitpunkt abgeben. Sollte es Ihnen
unter gegebenen Umständen nicht möglich sein,
an einem Treffen teilzunehmen, benachrichtigen Sie mich
bitte.
Viel
Spaß!!!
Sprechzeiten
für den Kurs sind montags von 17-18 und mittwochs
von 14-15 Uhr.
Druckvariante dieser Einleitung kann als .pdf Dokument
heruntergeladen werden:
Plan

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